Klöcknervision - Gedanken und Meinungen zu einer neuen Weltanschauung

„Butter bei die Fische“

50 Jahre Saarland, 50 Jahre kulinarisches Paradies?

INTERVIEW mit dem erfolgreichsten Gastrojournalisten der Region: ROLF KLÖCKNER

Klöckner's kritische BeobachtungenWas verbinden Sie mit Genuss?

Genuss bedeutet für mich Gesundheit. Ich sehe das etwas ganzheitlicher als viele meiner Mitmenschen. In die Apotheke gehen und Vitaminpräperate kaufen, sowie durch den Wald joggen und dann einen Hamburger essen, halte ich für keine guten Ideen. Die Seele isst mit, der Geist braucht auch Nahrung. Also schon auch Bewegung, aber in Maßen. Tot vom Rad zu fallen ist sicherlich nicht Sinn der Sache. Im Sommer eine Decke auf eine Waldlichtung legen und Genussvolles vom Biobauern essen, das ist meine Vorstellung von genussvoller Gesundheit.

Was essen Sie am liebsten?

Im Sommer eher mediterran, eine gegrillte Sardine mit Tomatenconfit und viel gutem Olivenöl, mit Schalotten, Knoblauch und einem regionalen Wein. Im Winter esse ich auch Spanferkel mit Majorankartoffeln und winterlichen Gemüsen, beispielsweise Schwarzwurzeln. Wenn Spargelzeit ist, esse ich 4 Wochen Spargel. Dann aber 11 Monate keine mehr. Ich esse eigentlich alles, vorausgesetzt das Produkt stimmt.

Was zeichnet eine gute Küche aus?

Qualität, Qualität, Qualität. Dann noch, dass sie weiß, woher ihre Wurzeln stammen. Und ein kreativer Koch. Nichts ist tödlicher für eine gute Küche als Langeweile.

Rolf Klöckner mit Patrick Antoine

Was unterscheidet die deutsche von der französischen Küche?

In der Hochküche nicht allzu viel. In der Alltagsküche gibt es gewaltige Unterschiede. In jeder französischen Region gibt es herausragende Spezialitäten mit hervorragenden Produkten. In Deutschland finden Sie herausragende, regionale Spezialitäten eher in Süddeutschland, am Besten in den Gegenden, die eine Grenze zu Frankreich haben. Deutschland ist kulinarisch in weiten Teilen 3. Welt. Schauen sie sich doch einmal alle Fernsehsendungen zum Thema essen und trinken an. In Frankreich sehen Sie die besten Köche im Fernsehen, in Deutschland viele schlechte Köche mit einem hohen Unterhaltungswert. Auch dies unterscheidet beide Länder.

Was sind Ihre kulinarischen Top-Erlebnisse?

Da waren so viele, sicherlich waren es auch stille, private Erlebnisse, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Da schmeckte ein einfacher Ziegenkäse mit einem Glas Beaujolais, wie die Ente früher in der Tour d´Argent in Paris. Meine größten Restaurantbesuche: Alain Chapel, Witzigmann, Robuchon, Ducasse und Westermann. Jetzt habe ich sicherlich noch einige vergessen. Entschuldigung!

Rolf Klöckner auf den Spuren früherer Gourmets

Können Sie unseren Lesern einen kleinen, eventuell geheimen Tipp aus Ihrem umfangreichen Wissensschatz mit auf dem Weg geben?

Versuchen Sie kulinarisch immer so zu leben, als sei es ihr letzter Tag. Kein Weg sollte Ihnen zu weit sein, um das gute Produkt zu kaufen. Seien sie gut zu sich selbst. Das Beste sollte für Sie gerade gut genug sein. Wenn Sie das Geld nicht haben, um teure Produkte zu kaufen - macht doch nichts. Dann sollten Sie bei Ihren Freunden allerdings dafür bekannt sein, dass es bei Ihnen die besten Pfannkuchen oder die besten Spiegeleier mit Bratkartoffeln der ganzen Stadt gibt.

Rolf Klöckner mit Thomas A. NickelsWas war der Anstoß für Ihren Restaurantführer?

Auf der einen Seite die große Nachfrage der Öffentlichkeit, auf der anderen Seite gab es noch keine zweisprachigen Restaurantführer und keine über 3 Länder - SAARLORLUX. Außerdem, das werden alle noch feststellen, hat diese Region nur eine Zukunft, wenn sie zweisprachig wird. Da ich aber in dieser Region lebe und unterwegs bin, habe ich diesen Restaurantführer erfinden müssen.

Wie sehen Sie die Zukunft zum Thema Genuss, gibt es Neuerungen oder besinnt man sich auf alte Traditionen?

Beides ist wichtig, handgemachtes Essen ist immer noch das Beste. Allerdings hat die Wissenschaft einiges herausgefunden, was die Lustfeindlichen nicht wahr haben wollen- Wein ist gesund, Olivenöl, Fette, Schokolade, aber auch Bier. Wahrscheinlich ist alles gesünder auf was ich Lust habe, als alles, was mir nicht schmeckt. Und genießen können, sollte jeder lernen! Außerdem sollten sich die jungen Leute das Essen im Gehen abgewöhnen, das haben sie nicht verdient.

Herr Klöckner, kommen wir mal zu privaten Vorlieben. Ihr Lieblingsfilm?

Die Bestechlichen mit Philipp Noiret. Aber auch Ghandi, Asterix oder Spiel mir das Lied vom Tod. Ich glaube, alle Filme, in denen sich der Held/die Heldin mit dem Vorgegebenen nicht zufrieden gibt.

Was würden Sie denn gerne verändern?

Die Saarländer haben so ein Selbstbewusstsein von „Entschuldigen Sie, dass ich geboren bin“ gegenüber anderen aus der Republik. Das finde ich grausam. Da kommt ein kulinarisch Behinderter jenseits des Rheins daher, da erstarren die Meisten vor Komplexen schon. Dabei sind es die Zugereisten, die sich schnell hier wohl fühlen, weil es bei ihnen zuhause so öde und hier so einmalig ist.

Rolf Klöckner mit Roman Niewodniczanski

Was halten Sie von der Politik?

Sicherlich eine schwierige Materie. Trotzdem scheint es oft so zu sein, dass da einige vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Wen schätzen Sie in der Politik?

Alle, die Charakter und Visionen haben. Alle, die sich zutrauen, die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.

2009 wird es einen Wahlmarathon geben, wen werden Sie wählen?

Das weiß ich noch nicht. Ich habe in der Vergangenheit auch schon für verschiedene Parlamente unterschiedliche Parteien gewählt. Es kann gut sein, dass ich mich auch 2009 so entscheide. Fragen Sie mich nochmals im Januar 2009. Eigentlich bin ich ein Freund des baden-württembergischen Wahlsystems. Dort werden die Abgeordneten eines Parlaments einzeln gewählt. Also, die Aufrechten einer jeden Partei, nicht die Mitläufer und Weicheier. Ich glaube schon lange nicht mehr, dass eine Partei besser ist, als eine andere. Ich glaube, dass die Menschen, die für eine Partei kandidieren, kompetenter oder nicht kompetenter sind, als andere.

Mit wem würden Sie gerne einmal für einen Monat tauschen?

Mit Pierre Gagnaire, Joel Robuchon, Alain Ducasse oder Antoine Westermann. Dann wüsste ich, wie viel Kraft man braucht, um einer der besten Köche der Welt zu sein. Mit Nelson Mandela, dann wüsste ich, dass ich Außergewöhnliches geleistet habe. Aber auch mit Udo Lindenberg. Ich würde dann in einem ganz außergewöhnlichen Hotel wohnen und wäre nur meiner Kreativität verpflichtet. Auch ein schöner Gedanke.

Rolf Klöckner mit Roland SchauenburgIhre geheime Leidenschaft?

Dinge zu tun, die verboten sind. Oder nicht gesellschaftsfähig. Den Heilig Abend nicht mit der Familie zu verbringen, sondern in einer afrikanischen Gemeinschaft mit afrikanischen Besonderheiten. Für ein paar Wochen oder Monate einfach abhauen, um Andalusien kennen zu lernen. Nachts durch Paris zu streunen, morgens ganz früh dann, (natürlich, mit wem sonst?) mit Köchen und Weinfreaks in irgend einer Bar das ultimative Genussgespräch zu halten.

Sie lieben neben einer guten Küche auch Musik?

Ja, sehr. Und zwar alles, was gut ist und mir gefällt. Yehudi Menuhin besuchte ich in den neunziger Jahren immer in Strasbourg. Ein ganz außergewöhnlicher Mann! Ich höre mir aber auch jede regionale Kapelle an, wenn sie meinen Geschmack trifft.

Rolf Klöckner mit Patrick Tanésy

Woran glauben Sie?

An alles Positive, an unsere Stärken, dass alle etwas erreichen können. Das muss nicht immer Geld sein. Viele sind zufrieden und glücklich mit ihrem Leben. Sie haben ihre Passion gefunden. Sie lieben und werden geliebt. Das ist göttlich, nicht aber Hass, Mammon und Krieg.

Was halten Sie von anderen Gastrojournalisten und ihren Produkten?

Jeder macht seine Arbeit so gut, wie er es kann. Die einen sind dann etwas ergiebiger, als die anderen. Die anderen müssen sich dann noch weiterbilden.

Rolf Klöckner mit Hervé FourrèreWas sind ihre nächsten Pläne?

Das Saarland zum kulinarischen Mittelpunkt Deutschlands zu machen und den Saarländern klar zu machen, dass es noch eine genussvollere Welt jenseits vom Schwenkbraten gibt.

Herr Klöckner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Mark von Fritschen, Sandrine Monreno und Martine Plassard

Mehr über Rolf Klöckners Arbeit lesen Sie unter www.regioguide.net

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